"DER SPORT BRINGT UNS ZUSAMMEN – GANZ BESONDERS DER FUSSBALL"

Sie hat eine bemerkenswerte Medienpräsenz, und die stetig steigenden VdK-Mitgliederzahlen haben sehr viel mit ihrer Sichtbarkeit und Beliebtheit zu tun. Auch wenn sie lieber auf ihr Team verweist. 2011 schnallte Verena Bentele die Skier ab – als eine der erfolgreichsten Paralympics-Athletinnen. Sie übernahm die Aufgabe als Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. Heute ist sie Präsidentin des größten deutschen Sozialverbandes und wurde zuletzt ins DOSB-Präsidium gewählt. 

Frau Bentele, was haben Sie im politischen Amt über Sport und Behinderung erfahren, das Ihnen nicht ohnehin klar war?
Viele strukturelle Themen. Als Inklusions-beauftragte konnte ich mich intensiv mit Zugangsmöglichkeiten beschäftigen, mit Barrierefreiheit von Sportanlagen oder wie offen unsere Vereine tatsächlich für behinderte Sportler sind. Meine Zeit an der Weltspitze hatte mich schon ganz gut auf die politische Karriere vorbereitet. Ich wusste, wie wichtig Durch­halten ist, wenn man Strukturen verändern möchte.

Sollten nicht noch viel mehr Menschen mit einer Behinderung Sport treiben?
Ich wünsche mir einfach, dass alle Menschen Sport treiben. Wir erleben in der Pandemie, wie negativ die Folgen sind, wenn beispielsweise Kinder und Jugendliche über längere Zeit keinen Sport treiben und nur sitzen, anstatt sich zu bewegen. Und natürlich ist das, was einem der Sport gibt, extrem wertvoll. Oft scheitert Sport für Menschen mit einer Behinderung daran, dass vor Ort keine Trainerin oder Übungsleiterin bereitsteht und offen dafür ist, sie teilnehmen zu lassen. Jemand im Verein muss sagen: „Klar kannst du hier mitmachen“, es geht um barrierefreie Sportanlagen, um eine zielgerichtete Kommunikation. 

Müssen die „normalen Sportvereine“ offener werden?
Für jeden Sportverein ist es ein Ge­winn, sich diverser aufzustellen. Gleich­zeitig ist Sport kompetitiv. Zu große Leistungsunterschiede in einer Sportgruppe können Unzufriedenheit verursachen. Vereine sollten passende Lösungen finden. Wesentlich ist aber auch, dass Menschen mit Behinderungen offen auf ihren Verein vor Ort zugehen, wer nicht nach dem Sportangebot fragt, der wird natürlich auch nichts Passendes finden. 

Sie und einer Ihrer Brüder wurden aufgrund eines Gendefekts blind geboren und wuchsen auf dem Bauernhof Ihrer Eltern auf. „Glück gehabt, meine Eltern hatten keine Zeit, uns in Watte zu packen“, haben Sie mal gesagt. 
Und sie hatten auch nicht die Zeit, ständig Angst zu haben. Meine Eltern sind selbst mutige Menschen, sie haben meine sportliche Karriere immer gefördert.

2009 war es um Ihre Karriere nach einem schweren Sturz eher schlecht bestellt. Bitte erzählen Sie.
Ich hatte 2009 bei den Deutschen Meisterschaften in Nesselwang im Allgäu vom Begleiter ein falsches Kommando bekommen. Der sagte „links“, dabei hätte ich nach rechts gemusst. Ich stürzte drei Meter in die Tiefe und erlitt schwere innere Verletzungen, unter anderem eine gequetschte Niere. Nach der körperlichen Heilung kam der schwierigere Part. Ich musste die Angst überwinden, um wieder mit Tempo den Berg runterzufahren. 

Bei den Paralympics 2010 in Vancouver gewannen Sie fünf Goldmedaillen, man sprach von den „Bentelympics“. Wie haben Sie es geschafft?
Der Wille war das Wichtigste. Ich wollte nicht zu Hause im Sessel sitzen, während andere Sport treiben. Ich wollte unbedingt selbst wieder raus und auf Skiern stehen. Das war eine gute Motivation, die Ängste anzugehen und dann zu überwinden. 

Haben Sie den Begleitläufer rausgeschmissen?
Das ist das falsche Wort. Unsere Wege haben sich getrennt.

Passiert es Ihnen noch, dass Sie jemand aufgrund Ihres Blindseins reduziert oder meint, besonders vorsichtig mit Ihnen umgehen zu müssen? 
Das gibt es schon immer noch. Dass etwa meine Begleitung gefragt wird, was ich trinken möchte oder ob ich noch etwas brauche, um meinen Job machen zu können. Das ist wahnsinnig irritierend. Ich versuche, ruhig zu bleiben, aber manchmal reagiere ich auch deutlich. Natürlich verstehe ich, dass manche Menschen unsicher sind. Aber niemand anders würde wollen, dass über den eigenen Kopf hinweg entschieden wird. 

Sind ältere Menschen da ungeübter als jüngere?
Nein, das würde ich nicht sagen. Das ist eher eine Frage, wie empathisch jemand sein kann oder ob man schon Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung sammeln konnte. Es ist einfach falsch, wenn man seinen Mitmenschen nur aufgrund eines Merkmals beurteilt. Frauen müssen bis heute im Beruf ein Stück besser als die Männer sein. Wie oft ich schon in Gremien als einzige oder eine von wenigen Frauen saß und dann hören musste: „Es gibt einfach bei uns nicht genügend gute Frauen.” Und ich denke mir, wie kommt ihr eigentlich auf die Idee, dass alle Männer hier am Tisch so wahnsinnig begabt sind? Ich war ja oft nicht nur die einzige Frau, sondern auch noch die Jüngste am Tisch. Mit Vorurteilen umgehen, das habe ich gelernt.

Zum Jahreswechsel wurden Sie in das DOSB-Präsidium gewählt. Wo werden Ihre künftigen Schwerpunkte liegen?
Wir als Präsidium wollen erst mal wieder den Sport in den Fokus nehmen. Der Sport muss wieder mehr Unterstützung aus der Politik erfahren. Wir wollen im neuen DOSB-Präsidium bewusst ressortübergreifend arbeiten. Ich bin nicht die Einzige im Präsidium, die Inklusion und Teilhabe als Themen bearbeiten kann. Das ist ein moderner und kreativer Führungsstil, auf den ich mich freue. 

Die DFB-Stiftung Sepp Herberger veranstaltet die Blindenfußball-Bundesliga, fördert die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft und hat dafür gesorgt, dass in jedem DFB-Landesverband ein*e Inklusionsbeauftragte*r bereitsteht. Wie wichtig ist es, dass gerade auch der Fußball Angebote schafft und behinderte Menschen zum Sport einlädt?
Der Fußball erfreut sich einer riesigen Beliebtheit, deshalb ist es entscheidend, dass gerade der Fußball Anliegen wie Barrierefreiheit und Öffnung der Vereine mit anschiebt. Die Wirkmacht des Fußballs bei gesellschaftspolitischen Themen haben wir alle sehr deutlich bei der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund erlebt. Der Sport bringt uns zusammen. Ganz besonders schafft das der Fußball.

Wie oft packen Sie es noch, die Ski anzuschnallen oder aufs Laufband zu kommen?
Im besten Fall vier- bis fünfmal in der Woche. Ich mache immer noch wahnsinnig gerne Sport. Und ich bin immer entspannter und glücklicher, wenn ich regelmäßig Sport treiben kann.

Frau Bentele, haben Sie vom 16. bis 18. September 2022 Luft im Kalender? Dann würden wir Sie gerne zu den Fußball-Inklusionstagen auf den Roncalliplatz einladen. 
Da komme ich gerne. Ihr müsst mir nur eins garantieren.

Ihre Zusage freut uns sehr. Und was sollen wir garantieren?
Dass ich keinen Ball ins Tor schießen muss. Da bin ich nämlich talentfrei.